Inhalt und Sprache der Kunst

Wenn von Kunst die Rede ist, meint man gemeinhin sogleich zu verstehen, wovon die Rede ist. Jedenfalls rekurrieren wir automatisch auf bereits Gesehenes oder Gehörtes, es drängen sich uns unzählige Assoziationen auf, und so meinen wir, etwas von dem verstanden zu haben, worum es bei der Sache geht.

Stellt man sich jedoch ernsthaft die Frage, was Kunst im eigentlichen Sinne bedeutet, beziehungsweise welche Funktion sie in unserem Leben einnimmt, wird man sehr schnell feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, eine befriedigende Antwort zu finden. Kunst hat immer etwas Sonderbares an sich. In den meisten Fällen −beispielsweise in der abstrakten Malerei− gibt sie dem Betrachter mehr Fragen auf, als dass sie ihm befriedigende Antworten auf sein im Grunde ohnehin schon komplexes Leben geben würde. Das hat damit zu tun, dass in der Malerei vorzugsweise nicht mit den Mitteln unserer Sprache gearbeitet wird, sondern mit einer nur bedingt dekodierbaren Symbol- und Farbensprache. Die bevorzugten Ausdrucksformen der Malerei sind Symbole, Zeichen, Bilder oder Farben, aber im Gegensatz zu den Zeichen oder Symbolen unserer natürlichen Sprache unterliegen diese keinen Gebrauchskonventionen oder Regeln.

Man könnte sagen, es ist der Reiz der Malerei oder darstellenden Kunst, dass sie mit einer unkonventionellen Bild-, Farben- und Formensprache zu uns spricht. Indem sie Dinge und         Sachverhalte, Emotionen und Themen mittels einer nicht konventionalisierten und nicht regelgeleiteten Sprache zum Ausdruck bringt, irritiert sie unsere Wahrnehmungsgewohnheiten und stellt uns vor die Aufgabe, intuitiv zu perzipieren und unseren Verstand flexibel zu gebrauchen.

Vielleicht sind Kunstkenner prädestinierter, ein gemaltes Bild interpretieren zu können. Aber auch Fachleuten dürfte es schwer fallen, ein allumfassendes und endgültiges Verständnis über ein Kunstwerk und dessen Implikationen zu erlangen. Das hat mit der Sache als solcher zu tun. Die Malerei will ihre Themen ja gerade nicht mit sprachlichen Mitteln zum Ausdruck bringen. Deshalb wird es auch immer unzulänglich bleiben, wenn wir uns allein darauf beschränken, sie mittels unseres sprachlichen bzw. diskursiven Denkens erfassen zu wollen. Wollte der Künstler einen Diskurs führen, würde er sich der sprachlichen Mittel bedienen. Aber gerade das ist nicht sein Anliegen. Er drückt seine Gefühle, Gedanken, Visionen, Träume oder Ideen in Formen und Farben aus. Das macht Kunstrezeption so schwierig und zugleich reizvoll. Einen angemessenen Zugang zur Bildthematik des jeweiligen Kunstwerks können wir im Grunde nur über die vom Künstler gewählten Ausdrucksformen erlangen. Als interessierte Rezipienten müssen wir darum bemüht sein, seine individuelle Sprache zu erahnen.

Es ist offenkundig, dass ein Rezipient sich niemals allumfassend alle konstitutiven Faktoren eines Kunstwerkes erschließen kann. Der Rezipient müsste in der Lage sein, in die Psyche des Produzenten einzudringen, um sein Werk adäquat verstehen zu können. Und selbst das wäre kein Garant dafür, das Werk wirklich verstanden zu haben. Denn der Künstler ist selbst nicht der beste Interpret seiner Entäußerungen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Wahrnehmung des Rezipienten immer durch sein subjektrelatives Selbst- und Weltverständnis gefärbt ist. Im Prozess der Kunstrezeption treffen immer zwei Welten aufeinander: Einerseits ist da der Künstler, der sich in Form seines Werkes in einer subjektrelativen Sprache mitteilt, andererseits der Betrachter, der, ganz gleich was er auch unternimmt, um das Kunstwerk zu verstehen, stets mit seiner individuellen Geschichte und subjektiven Wahrnehmung an die Sache herangeht. Es zeigt sich: Verstehen ist nicht einfach. Im Grunde ist das Verstehen im Sinne einer Fähigkeit selbst eine Kunst, sofern man unter Kunst etwas Gekonntes versteht.

Vielleicht wird man im Umgang mit der Malerei der Sache eher gerecht, wenn man sich ihr spielerisch nähert. Sicherlich geht es nicht darum, ein endgültiges Verständnis eines Kunstwerkes zu erlangen, sondern sich im Umgang mit der Kunst inspirieren zu lassen. Wenn ein Kunstwerk es schafft, seinen Betrachter in den Bann zu ziehen und ihn inspiriert, sich mit ihm auseinander zu setzen, dann ist schon viel erreicht. Einen höheren Anspruch kann die Kunst kaum haben, als ihre Rezipienten im Bewusstsein anzuregen und Impulse zu setzen.

Entscheidend bei all dem ist der Prozess der Interpretation. Denn jede Tätigkeit der Interpretation hat Rückwirkungen auf das Bewusstsein des Interpreten selbst. Über die Auseinandersetzung mit einem Kunstobjekt wirkt der Interpret auf das eigene Bewusstsein ein. Indem er den Bildgehalt auf sich wirken lässt und beginnt zu hinterfragen, was der Künstler ihm in seiner individuellen Sprache mitteilen möchte, strukturiert er seine Gedanken und stellt idealiter neue Sinnzusammenhänge her.

Nebenbei bemerkt zeigt dies, dass vieles von dem, was dem Bildgehalt zugeschrieben wird, in Wirklichkeit projiziert wird. Indem wir ein Bild interpretieren, geben wir dem nichtsprachlichen Gegenstand einen sprachlichen Ausdruck und legen somit einen expliziten Sinn in ihn hinein. Neben dem Kunstwerk erzeugen wir also ein eigenständiges Gedankengebäude, die Interpretation, die mit dem Kunstwerk zwar etwas zu tun hat, aber unabhängig von ihm existiert. Das Kunstwerk spricht für sich alleine auch ohne seine Interpretationen. Aber erst die Interpretation verleiht einem Kunstwerk seine Bedeutung. Ein Kunstwerk, das weder rezipiert noch interpretiert wird, bleibt bedeutungslos. Ohne Interpreten hätte es lediglich für seinen Produzenten Bedeutung. Je mehr Menschen sich mit ihm beschäftigen, desto mehr nimmt es an Bedeutung zu. Das ist es, was bekannte und anerkannte Kunstwerke auszeichnet, die Quantität ihrer Interpretationen und die mit ihr einhergehende Etablierung in Institutionen wie Galerien und Museen.

Da ein gemaltes Bild kein sprachliches Kommunikationsmedium ist und nichts rational bzw. diskursiv zum Ausdruck bringt, dürfte sich vieles hinsichtlich seines Bildgehalts aus dem Unbewussten seines Produzenten speisen. Kein Maler wird vermeiden können, etwas von sich selbst zum Ausdruck zu bringen, was ihm nicht direkt bewusst ist. Und meistens ist es die unbewusste Dimension eines Bildes, die das Interesse des Betrachters bindet. Hier besteht ein Bedingungsverhältnis: Das Unbewusste des Künstlers spricht über sein Bild das Unbewusste des Rezipienten an.

Mit dem Unbewussten ist hier keine tiefenpsychologische Dimension gemeint, gleichwohl diese zweifelsohne auch eine Rolle spielt, sondern zunächst nur die Tatsache, dass sowohl das Schaffen des Künstlers als auch die Intention des Rezipienten stets historisch und soziokulturell bedingt ist. Als Teil eines Kollektivs kann der Künstler in seinen Bildern immer nur das zum Ausdruck bringen, was ihn als Individuum seiner Zeit und seines soziokulturellen Kontextes betrifft, bedingt und beschäftigt. Aber nicht alles von dem, was er ausdrückt, ist ihm selbst bewusst. Das Zeitgeschehen als solches ebenso wie seine individuelle psychische Disposition fließen in seine Bilder mit ein. Ein Künstler ist immer auch ein Kind seiner Zeit und kann nicht losgelöst von ihr schaffen. Die Realitäten des gesamtgesellschaftlichen Prozesses, mit denen er konfrontiert ist, sind immer auch, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, implizit in seinen Bildern enthalten. Betrachtet man einzelne Kunstwerke und bringt sie in Beziehung zu den soziokulturellen und politischen Verhältnissen der Zeit, in der sie entstanden sind, wird man feststellen, dass stets ein Zusammenhang zwischen der Farben- und Formensprache eines Bildes und dessen Entstehungskontext besteht. Was in den einzelnen Kunstwerken zum Ausdruck kommt, ist ein Spiegel dessen, was in einer Gesellschaft an Normen und Werten gelebt wird. Auch hier besteht ein Bedingungsverhältnis. Bilder sind Ausdrucksformen des historisch und gesellschaftlich bedingten Zeitgeistes.

Sehr deutlich lässt sich diese Behauptung beispielsweise an der Gegenwartskunst aufzeigen. Bei vielen Werken der Moderne wird man das Gefühl nicht los, sie hätten ihren Betrachtern nichts mehr mitzuteilen. Jeder kennt dies aus eigener Erfahrung. Man steht vor einer Leinwand und fragt sich: »Und? Was soll das? Was will uns der Künstler damit sagen?« In vielen Fällen sind nicht einmal mehr dekorative oder ästhetische Spuren zu erkennen. Man bekommt den Eindruck, als starre einem die blanke Inhaltsleere entgegen.

Dieser Umstand, dass man sich bei vielen Werken der modernen Kunst des Eindrucks nicht erwehren kann, es drehe sich dabei um bloßen Selbstzweck und um ein kreatives bzw. geistiges Nichts, hat tatsächlich auch etwas mit unserer gesellschaftlichen Entwicklung als solcher zu tun.

Wir leben in einer Zeit der Auflösung von traditionellen Wertvorstellungen, in einer Zeit des sozialen Wandels. Werte, die einst fester Bestandteil des kollektiven Bewusstseins waren und als allgemeine Zielvorstellungen und Orientierungsleitlinien das soziale Verhalten des Einzelnen indirekt steuerten, haben in der Moderne durch Emanzipationsprozesse und das Streben nach Individuation und Selbstverwirklichung erheblich an Bedeutung verloren. So begrüßenswert die Entwicklung einerseits ist, es fehlt ihr maßgeblich an einem Ersatz für die als überholt erklärten Werte. Für den Einzelnen gibt es in unserer westlichen Industriegesellschaft, die auf immer mehr Effizienz, Produktivität und blinden Fortschritt abzielt, kaum mehr eine sozial und ethisch fundierte Orientierung. Das Dominieren ökonomisch ausgeprägter Werte trägt maßgeblich dazu bei, dass proklamierte Ideal- und Grundwerte keineswegs anspruchsgerecht vorgelebt und verwirklicht werden. Das Defizit an tatsächlich gelebten Grundwerten spiegelt auch die Kunst in hohem Maße wider. Vieles im Bereich der Kunst ist ebenso hohl wie die Visionslosigkeit unserer auf Effizienz und Produktivität ausgerichteten Konsum- und Leistungsgesellschaft.

Um so mehr ist man überrascht und erfreut, wenn man hin und wieder auf Kunstwerke stößt, die voller Fantasie, Geist und Leben stecken. Nicht alles ist hohl, aber weniges ist gekonnt und geistreich. Und da ich es unmissverständlicher nicht formulieren könnte und wenigstens ein Beispiel anführen möchte, will ich die vorliegenden Gedanken mit den Worten Friedrich Hundertwassers beenden, in dessen Werk, wie ich meine, die Verschmelzung von Geist und künstlerischem Können auf geniale Weise zum Ausdruck kommt: »Die Kunst muss wieder die Natur und ihre Gesetze und den Menschen und sein Streben nach wahren und dauerhaften Werten einbeziehen. Die Kunst muss wieder Brücke zwischen Schöpfung, Natur und Kreativität des Menschen sein. Die Kunst muss wieder eine Gesamtheitsfunktion erlangen und nicht nur für eine Insidergruppe gemacht werden. […] Kunst muss wieder einen Sinn bekommen. Kunst muss wieder bleibende Werte schaffen. Mut zur Schönheit in Harmonie mit der Natur.«

Dr. Donar Rau

 

 

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