Foreword

Since the sixties in the last century, photography has developed beyond its mere representational function into an artistic form of expression. Through to the present day, however, it has also become an inflationary mass medium. Today, photography leads an extremely ambivalent existence. Anyone can take photographs and everyone does take photographs. The ubiquitous flood of images of photographic origin is virtually unstoppable. Even on the art scene, the limits between artistic ability and banal amateurism are sometimes no longer clearly discernible.

When is a photograph art though and who decides?

There are no simple answers to this. Many factors play a role in whether a two-dimensional reflection copy is elevated to an objet d’art by certain people and finds its way into galleries and museums. However, one thing is certain: an artwork must move the observer emotionally. If a picture has a harmonious composition and visual power then the observer is inspired to deal with it both intellectually and emotionally; internal psychological processes are set in motion within the observer. It could be hypothesised that an image becomes an artwork only when it leads the observer to a lasting interpretation.

A picture has a similar function to a linguistic text. It conveys something between its producer (artist) and the recipients. It transports content. By contrast with a linguistic text, the content of a picture is not always easy to decode. This is because a picture is subject to no usage conventions. There are no clear rules of interpretation for the visual grammar of a picture. As the aesthetic sense and the dimension of the subconscious play a central role in all this, a picture is more likely to elicit associations in the observer than to unambiguously reveal its meaning.

A picture is not a reflection of reality but rather a genuine original image. Ideally, it opens up new worlds for the observer. If a photographic image manages to break through the perception habits of observers, causing them to stop and think and to become involved with its symbolism, then the two-dimensional reflection copy becomes a medium of neuronal change. Indeed: art does not have to be understood rationally. Art must move you.

Vorwort

Die Fotografie hat sich seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts über ihre bloße Abbildungsfunktion hinaus zu einem künstlerischen Ausdrucksmittel entwickelt. Bis in die Gegenwart hinein ist sie allerdings auch zu einem inflationären Massenmedium geworden. Heute führt die Fotografie ein höchst ambivalentes Dasein. Jede/r kann fotografieren, und jede/r fotografiert. Der allgegenwärtigen Bilderflut fotografischen Ursprungs ist kaum mehr Einhalt zu gebieten. Die Grenzen zwischen künstlerischem Können und banalem Dilettantismus sind teilweise auch im Kulturbetrieb nicht mehr eindeutig zu erkennen.

Wann aber ist eine Fotografie Kunst und wer entscheidet dies?

Hierauf gibt es keine einfachen Antworten. Viele Faktoren spielen eine Rolle, ob eine zweidimensionale Aufsichtsvorlage von bestimmten Personen zu einem Kunstobjekt erhoben wird und in Galerien oder Museen Einzug hält. Eines ist jedoch gewiss: Ein Kunstwerk muss den Betrachter emotional berühren. Wenn ein Bild kompositorisch stimmig ist und visuelle Kraft besitzt, wird der Betrachter dazu angeregt, sich mit ihm geistig und emotional auseinander zu setzen; es werden bei ihm innerpsychische Prozesse in Gang gesetzt. Man könnte die These aufstellen, dass eine Bildvorlage erst dann zum Kunstwerk wird, wenn es den/die Betrachter zu einer nachhaltigen Interpretation veranlasst.

Ein Bild hat eine ähnliche Funktion wie ein sprachlicher Text. Es vermittelt etwas zwischen seinem Produzenten (Künstler) und dessen Rezipienten. Es transportiert Inhalte. Der Inhalt eines Bildes aber kann im Gegensatz zu einem sprachlichen Text nicht immer leicht dekodiert werden. Denn ein Bild unterliegt keinen Gebrauchskonventionen. Für die visuelle Grammatik eines Bildes gibt es keine eindeutigen Regeln der Interpretation. Da das ästhetische Empfinden und die Dimension des Unbewussten bei all dem eine zentrale Rolle spielen, löst ein Bild beim Betrachter wahrscheinlich mehr Assoziationen aus, als dass es ihm unmissverständlich seine Bedeutung offenbare.

Ein Bild ist kein Abbild der Wirklichkeit, sondern ein genuines Urbild. Im Idealfall erschließt es dem Betrachter neue Welten. Wenn ein fotografisches Bild es schafft, die Wahrnehmungsgewohnheiten des Betrachters zu durchbrechen, ihn veranlasst innezuhalten und sich auf dessen Symbolspiel einzulassen, dann wird die zweidimensionale Aufsichtsvorlage zu einem neuronenverwandelnden Medium. Wohl gemerkt: Kunst muss man nicht rational verstehen. Kunst muss bewegen.

 Donar Rau