Die Kunst der neuronalen Plastik

Das wohl schwierigste Produkt künstlerischen Schaffens ist die neuronale Plastik. In der heutigen Medizin spricht man von »Neuroplastizität« und meint damit, die Möglichkeit zerebrale Strukturen willentlich verändern zu können. Unser Gehirn ist äußerst flexibel und bis ins hohe Alter formbar. Erlernte Verhaltens- und Reaktionsmuster können umstrukturiert und neue synaptische Verbindungen angelegt werden. Das Gehirn kann man wie ein Plastik formen. Entstehen sollte dabei immer ein wahres Kunstwerk.

Wenn Beuys behauptet, dass nur die Kunst die Gesellschaft verändern könne, hat er implizit auch dies gemeint. Veränderung findet zunächst im Kopf statt. Schwierig daran ist: Man muss den Willen haben, das eigene Verhalten und Handeln sowie soziokulturell bedingte Konventionen zu hinterfragen. Wie wir wissen, ist es die Kunst, die die Normen und Werte einer Gesellschaft in Frage stellt und sie auf kreative und unkonventionelle Weise reflektiert. Albert Einstein: »Probleme kann man niemals auf derselben Ebene lösen, auf der sie entstanden sind.«

Allerdings erfordert Querdenken nicht nur Willen sondern auch Aufrichtigkeit und Mut, woran es bei den meisten Menschen offenkundig mangelt. Deshalb ist auch nicht jeder Mensch ein Künstler. Zwar hat jeder Mensch (mit wenigen pathologischen Ausnahmen) das neuronale Potenzial, aber nur wenige machen aus Trägheit ernsthaften Gebrauch von ihm. Wie schön könnte es auf dieser Erde sein, wenn jeder Mensch tatsächlich ein Künstler wäre.

Buchtipp: Beuys, Joseph (1975), »Jeder Mensch ein Künstler«, Ullstein Sachbuch. Siegel, Daniel (2007), »Das achtsame Gehirn«, Arbor Verlag

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